Es gab eine Zeit, da musste man in Pappenheim nicht erklären, wer Georg Nestler war. Man kannte den Fabrikanten, man kannte seine Hofana-Strickmoden und man wusste auch um seine Großzügigkeit. Nestler gehörte zu jenen Persönlichkeiten, deren Namen ganz selbstverständlich mit der Stadt verbunden waren.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist vieles davon verblasst. Das Georg-Nestler-Haus, ein seit mehr als fünf Jahren leerstehendes Seniorenheim, und eine Grabstelle auf dem Friedhof an der Galluskirche erinnern heute noch an diesen großen Wahl-Pappenheimer.
Grund genug also, Georg Nestler wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen. Er hat nicht nur als Unternehmer Spuren hinterlassen, sondern sich immer wieder dort engagiert, wo Hilfe gebraucht wurde. Einen besonderen Anlass für diesen Rückblick gibt es gerade jetzt. Am 15. August 1976 ist Georg Nestler verstorben. Sein Todestag jährt sich damit zum 50. Mal.
Wie sehr Georg Nestler seinerzeit geschätzt wurde, zeigt ein Sonderdruck des „Weißenburger Tagblatts“ vom 16. und 18. März 1970. Ausführlich wird darin über einen Abend im kleinen Kronensaal in Pappenheim berichtet, bei dem Nestler eine besondere Ehrung zuteilwurde. Im Auftrag des damaligen Präsidenten des Bayerischen Roten Kreuzes, Ministerpräsident Alfons Goppel, überreichte Landrat Dr. Georg Hofmann dem Pappenheimer Fabrikanten die Goldene Ehrennadel.
Eine Spende von damals beachtlicher Höhe
Anlass war vor allem eine großzügige Unterstützung für die Pappenheimer Sanitätskolonne des Roten Kreuzes. Georg Nestler hatte über den Lions-Club Weißenburg 10.000 DM zur Verfügung gestellt. Eine Summe, deren Größenordnung sich aus heutiger Sicht vielleicht nicht mehr auf Anhieb erschließt. Für die damalige Pappenheimer Rot-Kreuz-Kolonne war sie jedenfalls, wie Landrat Hofmann es ausdrückte, eine „Riesensumme“.
Und es war keineswegs Nestlers erste Unterstützung. Schon in den Jahren zuvor hatte er die Kolonne mehrfach mit Beträgen von bis zu 1.000 DM bedacht. Auch für die Stadt Pappenheim, den Kindergarten und für arme Mitbürger hatte er immer wieder eine offene Hand.
Mit den 10.000 DM für das Rote Kreuz wurden Uniformen und Ausrüstungsgegenstände angeschafft. Kolonnenführer Edmund Stegerwald berichtete damals, dass die verbesserte Ausstattung sogar zu einem starken Zuwachs bei der Pappenheimer Kolonne geführt habe und damit deren Aufgabenbereich erweitert werden konnte.
Die Dankbarkeit war entsprechend groß. Stegerwald ernannte Georg Nestler zum Ehrenmitglied der Kolonne und überreichte ihm ein Anerkennungsschild. Von der Frauenbereitschaft gab es eine weitere Plakette und dunkelrote Rosen.
Mehr als die Großzügigkeit eines Fabrikanten
Wer den alten Zeitungsbericht heute liest, könnte es bei der Feststellung belassen, dass hier ein vermögender Unternehmer einen hohen Geldbetrag für einen guten Zweck gegeben hatte. Doch damit würde man Georg Nestler wohl nicht gerecht.
Denn hinter seiner Verbundenheit mit dem Roten Kreuz stand eine sehr persönliche Geschichte.
Landrat Hofmann erinnerte daran, dass Georg Nestler und das Rote Kreuz schon seit vielen Jahren freundschaftlich miteinander verbunden waren. Dabei bezog er ausdrücklich auch Nestlers Ehefrau Charlotte ein. Sie habe dem Roten Kreuz ebenfalls stets nahegestanden, und beide hätten immer eine offene Hand gehabt, wenn Hilfe benötigt wurde.
Zu diesem Zeitpunkt lebte Charlotte Nestler allerdings nicht mehr. Im Oktober 1967 war sie auf der Fahrt zur Modewoche nach München bei einem tragischen Verkehrsunfall auf der Autobahn bei Ingolstadt ums Leben gekommen.
Während der Ehrung im Kronensaal sprach Georg Nestler selbst über diesen schweren Schicksalsschlag.
Seine Worte gehören wohl zu den eindrucksvollsten Passagen des alten Zeitungsberichtes. Nestler zeigte sich von der Auszeichnung nicht nur gerührt, sondern beinahe beschämt. Er habe doch nichts anderes getan, sagte er sinngemäß, als zu versuchen zu helfen. Die Goldene Ehrennadel nehme er deshalb nur im Namen seiner tödlich verunglückten Frau entgegen.
Dann erklärte er, weshalb ihm gerade das Rote Kreuz so nahestand. Die letzten Menschen, die sich nach dem schweren Unglück um seine Frau bemüht hätten, seien Männer des Roten Kreuzes gewesen. Man kann erahnen, welche Erinnerungen in diesem Moment im kleinen Kronensaal wieder lebendig wurden.
Nestler sprach voller Hochachtung von den Menschen, die beim Roten Kreuz freiwillig und ohne Bezahlung für andere da seien. Es grenze beinahe an ein Phänomen, sagte er damals, wenn sich junge Menschen bereitfänden, uneigennützig zu helfen, ohne danach zu fragen, „was dabei herausspringt“.
Eine Ehrung, die ihn beinahe beschämte
Bemerkenswert ist die Bescheidenheit, mit der Georg Nestler auf die Auszeichnung reagierte. Die 10.000 DM bezeichnete er selbst als eine „kleine Spende“. Eine Formulierung, die bei den Zuhörern damals durchaus für Aufmerksamkeit gesorgt haben dürfte.
Die große öffentliche Ehrung war offenbar nicht das, worauf er es angelegt hatte. Seine Spende hatte er bewusst über den Lions-Club Weißenburg geleitet. Rotes Kreuz und Lions International, so seine Überzeugung, verfolgten auf unterschiedliche Weise dasselbe Ziel. Das Rote Kreuz durch den persönlichen Einsatz seiner Helfer, Lions durch finanzielle Unterstützung für Menschen in Not.
Am Ende seiner Dankesworte gab Nestler den Rot-Kreuzlern ein Versprechen mit auf den Weg.
„Ich bin immer für Sie da, meine Freunde vom Roten Kreuz, wenn ich etwas für Sie tun kann, werde ich es immer von Herzen gern tun.“
Es sind Worte aus dem Jahr 1970. Und doch erzählen sie heute vielleicht mehr über Georg Nestler als manche Aufzählung seiner geschäftlichen Erfolge.
Zwischen Suppe und Schweinebraten
Der alte Bericht hält aber auch jene kleinen Einzelheiten fest, die eine längst vergangene Pappenheimer Zeit wieder erstaunlich lebendig werden lassen.
Die Ehrung in der „Krone“ war nämlich keineswegs als steifes Zeremoniell organisiert. Das „Weißenburger Tagblatt“ überschrieb eine kleine Randgeschichte augenzwinkernd mit „Zwischen Suppe und Dessert …“.
Lions-Präsident und Weißenburgs Bürgermeister Wolfgang Wohlleben hielt zunächst die Festansprache. Dann kam die Suppe. Nach der Suppe sprach Landrat Hofmann und überreichte die Goldene Ehrennadel. Anschließend wurde das Hauptgericht serviert, Schweinebraten mit Knödeln und Salat. Vor dem Dessert folgte schließlich noch der Vortrag von Obermedizinalrat Dr. Krug über Tuberkulose und Bronchialkatarrh.
Ein „Arbeitsessen“, wie es die Zeitung damals nannte.
Auch die Fotografien des Sonderdrucks lassen diesen Abend noch einmal lebendig werden. Sie zeigen Georg Nestler inmitten der Vertreter des Roten Kreuzes und des Lions-Clubs, bei der Überreichung der Ehrennadel und beim Empfang der dunkelroten Rosen. Keine große Bühne, kein aufwendiger Festakt, sondern eine Gesellschaft im kleinen Saal der „Krone“.
Ehrenbürger und Charlotte Nestler Stiftung
Dass Nestlers Hilfsbereitschaft weit über die Unterstützung des Roten Kreuzes hinausging, zeigt die höchste Auszeichnung, die ihm seine Wahlheimat zuteilwerden ließ. Die Stadt Pappenheim verlieh Georg Nestler die Ehrenbürgerwürde.
Die Begründung in der Ehrenbürgerurkunde bringt mit wenigen Worten auf den Punkt, wofür er in Pappenheim geschätzt wurde. Wörtlich heißt es dort, ihm werde „in Würdigung der Verdienste um die Fürsorge und Betreuung bedürftiger Pappenheimer Bürger die Ehrenbürgerurkunde verliehen.“
Besonders nachhaltig wirkte die von ihm gegründete „Charlotte Nestler Stiftung“. Georg Nestler hatte sie nach seiner 1967 tödlich verunglückten Ehefrau benannt und zugunsten der Stadt Pappenheim errichtet. Durch die Stiftung erhielt die Stadt ein Vermögen von mehr als 800.000 DM.
Eine für die damalige Zeit außerordentliche Summe. Und sie macht deutlich, dass es bei Georg Nestler nicht nur um einzelne großzügige Spenden ging. Mit der Stiftung hatte er etwas geschaffen, das über sein eigenes Leben hinaus für die Menschen in Pappenheim wirken sollte.
Eine besonders sichtbare Verwendung fanden die Stiftungsgelder zehn Jahre nach seinem Tod. Im Jahr 1986 konnte das vormalige Krankenhaus in der Beckstraße durch einen Anbau erweitert und zu einem Seniorenheim umfunktioniert werden. Das Haus erhielt den Namen Georg-Nestler-Haus.
Damit war die Namensgebung keineswegs nur eine symbolische Würdigung eines verdienten Ehrenbürgers. Das Gebäude stand ganz konkret mit seinem Vermächtnis und der von ihm gegründeten Stiftung in Verbindung. Zugleich fügte sich die neue Aufgabe des Hauses bemerkenswert in jene Worte ein, die einst in seine Ehrenbürgerurkunde geschrieben worden waren. Dort war ausdrücklich von seinen Verdiensten um die „Fürsorge und Betreuung bedürftiger Pappenheimer Bürger“ die Rede. Dass später ein Seniorenheim seinen Namen trug, erscheint vor diesem Hintergrund nur folgerichtig.
Heute steht das Georg-Nestler-Haus seit fünf Jahren leer. Sein Name aber ist geblieben. Für viele Pappenheimer dürfte Georg Nestler deshalb zumindest über dieses Gebäude noch immer ein Begriff sein. Man kennt das Georg-Nestler-Haus, ohne vielleicht noch zu wissen, wer der Mann gewesen ist, dessen Namen es trägt und welche Geschichte dahintersteht.
Ein Stück Pappenheimer Gedächtnis
Heute sind mehr als 56 Jahre seit jenem Abend im Kronensaal vergangen. Namen, Firmen und Geschäfte, die damals jedem Pappenheimer geläufig waren, sind aus dem täglichen Leben verschwunden. Auch Hofana-Strickmoden gehört inzwischen zu diesem vergangenen Pappenheim.
Umso wertvoller sind solche alten Berichte. Sie erzählen eben nicht nur davon, dass Georg Nestler im März 1970 eine Goldene Ehrennadel erhielt. Sie vermitteln etwas von einem Menschen und von einer Haltung, die seine Zeitgenossen offenbar an ihm schätzten.
Nestler hatte die finanziellen Möglichkeiten zu helfen und er nutzte sie. Dabei scheint ihm öffentliche Anerkennung weniger wichtig gewesen zu sein als der Zweck seiner Unterstützung. Der alte Zeitungsbericht zeichnet das Bild eines Mannes, der sich für eine Spende von 10.000 DM beinahe entschuldigte und zugleich größte Hochachtung vor jenen empfand, die ihre Freizeit opferten, um anderen Menschen zu helfen.
Vielleicht sagt gerade dieser Gegensatz viel über ihn aus.
Seine Verbundenheit mit dem Roten Kreuz war durch den tragischen Tod seiner Frau Charlotte von einer sehr persönlichen Erfahrung geprägt. Ihren Namen gab er später einer Stiftung, mit der er seiner Wahlheimat ein Vermögen von mehr als 800.000 DM hinterließ. Und aus diesem Vermächtnis erwuchs schließlich auch das Seniorenheim, das seinen eigenen Namen über Jahrzehnte in Pappenheim weitertrug.
Am 15. August 1976 starb Georg Nestler. Nun, 50 Jahre später, ist sein Todestag ein guter Anlass, sich dieses Mannes wieder zu erinnern.
Denn Stadtgeschichte besteht nicht nur aus Jahreszahlen, großen Ereignissen und alten Gebäuden. Sie besteht ebenso aus Menschen, die zu ihrer Zeit ganz selbstverständlich zum Leben einer Stadt gehörten und deren Spuren manchmal noch vorhanden sind, wenn die Erinnerung an den Menschen selbst schon zu verblassen beginnt.
Bei Georg Nestler ist eine dieser Spuren sogar mit seinem Namen versehen.
Und es gab eben einmal eine Zeit in Pappenheim, da wusste jeder, wer Georg Nestler war.
Peter Prusakow